Strömungen im Judentum

Im Judentum gibt es unterschiedliche Richtungen und Strömungen. Die drei Hauptströmungen sind das orthodoxe Judentum, das liberale (progressive) Reform-Judentum und das konservative (masorati) Judentum. Sie unterscheiden sich nicht im Glauben, sondern ausschließlich in der Auslegung des jüdischen Religionsgesetztes, der Halacha, und der Einstellung zu rituellen Geboten und religiösen Praktiken.

Das orthodoxe Judentum

„Orthodox“ bedeutet „streng gläubig“ oder auch „der richtigen Lehre angehörend“. Die Bezeichnung entstand im 19. Jahrhundert in Reaktion auf das Reformjudentum. Das orthodoxe Judentum befolgt alle Gesetze und Gebote der Halacha wortgetreu. Das beinhaltet unter anderem die strikte Einhaltung der koscheren Speisevorschriften, das Gebot, am Schabbat zu ruhen, sowie Vorschriften der Zniut (Sittsamkeit), die Kleidung und Interaktionen zwischen Männern und Frauen betreffen.

Orthodoxe Juden in Jerusalem, © Grzegorz Pawłowski

Orthodoxe Jüdinnen und Juden erkennt man oft an ihrer Kleidung. Männer tragen einen schwarzen Anzug mit Hut oder einen Kaftan. Frauen verbergen ihre Haare, bedecken ihre Arme und tragen lange Röcke. Männer tragen unter dem Hut stets auch eine Kippa und lassen ihre Schläfenlocken lang wachsen. Es ist nicht gebräuchlich, dass sich Männer und Frauen die Hand geben, in der Synagoge sitzen Frauen getrennt vom Betbereich der Männer. Orthodoxe Familien sind meistens sehr kinderreich.

Innerhalb des orthodoxen Judentums gibt es weitere Unterteilungen. Unter den sog. ultraorthodoxen Jüdinnen und Juden, im Hebräischen als Haredi bezeichnet, gibt es zahlreiche Richtungen, darunter chassidische Gruppen, wie Chabad, Satmar oder Ger, die für Außenstehende nur schwer zu unterscheiden sind.

Eine weitere Ausrichtung wird als modern-orthodox bezeichnet. Sie versucht die orthodoxe Lebensweise mit der modernen säkularen Welt in Einklang zu bringen.

Auch wenn sich ein Großteil der jüdischen Israelis nicht als orthodox bezeichnet, ist das orthodoxe Judentum in Israel dominierend. Anders so in den USA, wo sich eine Mehrheit zum Reformjudentum zählt.

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Das orthodoxe Judentum – Eine Einführung in die Grundlagen des jüdischen Glaubens und Gesetzes

Linktipp:
Orthodoxes Judentum in Deutschland


Das liberale / progressive Judentum / 
Reform-Judentum

Das liberale Judentum, oder auch progressives Judentum genannt, versteht sich als „Reform“, also als eine „Neugestaltung“ oder auch „Verbesserung des Bestehenden“. Diese Strömung ist zwar im 19. Jahrhundert in Deutschland entstanden, jedoch hier heute in der Minderheit. Dagegen sehen sich etwa 35 Prozent der amerikanischen Jüdinnen und Juden dem Reformjudentum zugehörig.

Rabbinerin Elisa Klapheck (links)
Foto: Burkhard Peter

Das liberale Judentum hat unter Wahrung der ethischen Glaubensgrundlagen die jüdische Tradition an die modernen Realitäten angepasst und betont die persönliche Wahl in Fragen der Halacha. Liberale Jüdinnen und Juden betätigen am Schabbat den Lichtschalter und fahren Auto. Alle Menschen sind gleichgestellt, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Frauen und Männer sind auch in der Synagoge gleichgestellt, stellen gemeinsam den Minjan und sitzen gemeinsam. Frauen können als Rabbinerinnen und Kantorinnen einer Gemeinde vorstehen. Der Gottesdienst wird nicht mehr ausschließlich in Hebräisch, sondern teilweise auch in der Landessprache gehalten.

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Grundsätze des liberalen Judentums

Linktipp:
Das liberale Judentum in Deutschland

Modern aus Tradition – 250 Jahre Liberales Judentum from buero fuer neues denken GmbH on Vimeo.


Konservatives / Masorati Judentum

Eine weitere Strömung wird als konservativ oder auch „masorati“ (hebräisch für traditionell) bezeichnet. Sie entstand im 19. Jahrhunderts in Europa in Reaktion auf das Reformjudentum, dessen Anpassungen an das moderne Leben ihnen zu weit ging. Nach ihrem Verständnis hatte sich das Reformjudentum in vielen Bereichen zu weit vom jüdischen Religionsgesetz entfernt mit seiner Einstellung zum Ritualgesetz. Das Motto der konservativen Bewegung wurde „Tradition und Wandel“. Es will zum Ausdruck bringen, daß für konservative Juden das Ritualgesetz bindend ist, aber dass seine Interpretation und Anwendung sich in der modernen Welt weiterentwickelt und sich auf ein sorgfältiges Studium der Ursprünge und der historischen Entwicklungen sowie seine Funktion unter den Lebensumständen der heutigen Welt bewähren muss. Seit 1984 ordiniert die konservative Bewegung Frauen als Rabbinerinnen.

Linktipp:
Masorati e.V. Berlin – Geschichte und Philosophie

Weitere Strömungen

Neben diesen drei Hauptströmungen gibt es weitere kleinere Ausrichtungen. Dazu gehört der Rekonstruktionismus, der in den 1920er Jahren in den USA von Mordechai Kaplan ins Leben gerufen wurde und als Ergänzung zur konservativen Bewegung gedacht war. Rekonstruktionismus sieht Judentum als „sich weiterentwickelnde religiöse Zivilisation“ ein Volk, eine Kultur ebenso wie eine Glaubensgemeinschaft. Frauen sind in der Gemeinde gleichberechtigt und werden seit 1972 zu Rabbinerinnen ordiniert.

Ebenfalls in den USA entstand die Jewish Renewal-Bewegung, die die Spiritualität und Ekstase des chassidischen Judentums, beispielsweise mit meditativen Praktiken, mit einer zeitgenössischen Sicht auf Geschlechtergleichheit, Umweltbewusstsein und religiöser Vielfalt kombiniert.