Sidra Dewarim – Richtet mit Gerechtigkeit!

Paraschat HaSchawua – Der wöchentliche Toraabschnitt, kommentiert von Nechama Leibowitz

In dieser Sidra rekapituliert Moses, in seiner Rede an die Kinder Israel, die Geschichte der Wanderungen ihrer Väter. Er beginnt mit dem Augenblick, 38 Jahre vorher, als ihre Eltern an der Schwelle des Gelobten Landes standen, das sie wegen ihres Fehlverhaltens verwirkt hatten. Moses beschreibt, wie er die Kinder Israel damals vorbereitet auf das Betreten des Landes vorbereitet hatte, indem er Führer und Offiziere ernannt hatte. Hier die Botschaft, die er ihren Richtern gab:

Und ich gebot euren Richtern in selbiger Zeit also: Verhöret eure Brüder, und richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder und seinem Fremdling. Ihr sollt kein Ansehen erkennen im Gericht; wie den Kleinen, so den Grossen sollt ihr hören. Fürchtet euch vor niemand, denn das Gericht ist des Ewigen.
(1, 16 – 17)

Neben der allgemeinen Vorschrift, gerecht zu handeln, werden viele detaillierte Regeln der rechtlichen Prozedur von jedem Wort und jedem Satz dieses Textes abgeleitet. Im ersten Vers sind das Wort „verhöret“ und die ungewöhnliche adverbielle Qualifikation „zwischen“ Gegenstand der Exegese.

Rabbi Chanina sagte: Dies beinhaltet die Ermahung des Gerichtes, nicht die eine Streitpartei zu hören, bevor die andere angekommen ist, und die Ermahnung an die Streitpartei, ihre Sache nicht dem Gericht vorzulegen, bevor der Gegner ankommt. Wende den Text: „Richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder“ an.
(Talmud, Sanhedrin 7b)

Das Hören einer Partei in der Abwesenheit der anderen, könnte Parteilichkeit hervorrufen, denn der eine kann den Eindruck, den der andere erweckt, nicht korrigieren. Aber auch wenn beide anwesend sind, gibt es immer noch Gefahren, die im Interesse der Gerechtigkeit vermieden werden müssen. Auch dies kann von der Formulierung des Textes abgeleitet werden, wie der Autor von „Or HaChaim“ feststellt:

Warum sagt uns der Text, die Sache zwischen Brüdern zu hören? Sicher, ohne sie zu hören, gibt es keine Sache! Warum wird hier die ungewöhnliche Infinitv Form „Schamoa“ (Verhöre) benutzt statt des Imperativs „Schim’u“? Der Hinweis besteht darin, dass die Richter geduldig sein sollen und sie zur Gänze hören müssen. Wenn eine Partei mehr Beweise oder Argumente bringen möchte, dürfen ihn die Richter nicht abkürzen, sondern die Befragung fortsetzen. Weiters, falls der Fall ermüdend oder langwierig ist, sollten ihn die Richter nicht zu lange vertagen, sondern zu Ende hören, ohne Unterbrechung. Die Torah verhindert hier die Ungerechtigkeit langwieriger rechtlicher Prozeduren und fordert rasche Gerechtigkeit. Der selbe Text lehrt den Richter auch, zwischen den Worten der Streitparteien zu lesen, um zur Wahrheit zu gelangen. Obwohl die Beweise und Argumente des einen oberflächlich entscheidend erscheinen können, sollte er sein eigenes Urteilsvermögen nutzen, wenn er fühlt, sie sind nicht im guten Glauben. „Richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder“ beinhaltet, dass er jeder Nuance ihrer Äusserungen Beachtung schenken muss. Dies alles findet vor Gericht zwischen ihnen statt, wenn sie zur Wahrheit gelangen.

Das Wort „Verhöre“ wird im Sinn von „Beachte“, „Begreife“ verstanden. Die Gleichbehandlung beider Streitparteien wird vom Wort „zwischen“ abgeleitet.

Der Richter darf nicht den einen ruhig ansehen und seinen Blick vom anderen abwenden. Sein Verhör muss vielmehr „zwischen“ sein – ausgewogen. Wenn er den einen ansieht, soll er auch den anderen ansehen. Wenn er seinen Blick abwendet, dann von beiden oder von keinem … Ein bestimmter frommer und gelehrter Richter, R. Moses Berdugo, wendete seinen Blick von beiden ab, denn er fühlte, wenn er einen ansah, war der Gegner einen Augenblick lang aus der Fassung. Er sagte, der Text „Richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder“ bedeute, dass es die Pflicht des Richters ist, einfach zu hören, und nicht mehr, die Worte der Streitparteien sollen sein Ohr erreichen, ohne den kleinsten Unterschied zwischen den beiden zu machen. So wird mit Gerechtigkeit zwischen einem Manne und seinem Bruder gerichtet.
(Or HaChaim)

Hier haben wir die affirmative Formulierung von Gerechtigkeit. Der nächste Vers gibt uns die negative Formulierung durch eine affirmative Forderung:

Ihr sollt kein Ansehen erkennen im Gericht; wie den Kleinen, so den Grossen sollt ihr hören.

Die Forderung, beiden Parteien gleiche Behandlung zukommen zu lassen, erscheint in allen vier Bibelstellen, sich sich mit juristischen Angelegenheiten befassen:

Beuge nicht das Recht deines Armen in seiner Rechtssache. Auch den Armen begünstige nicht in seinem Rechtsstreite.
(Exodus 23, 6, 3)

Ihr sollt keine Ungerechtigkeit tun im Gericht: du sollst nicht Nachsicht haben mit dem Geringen und nicht ehren den Vornehmen; mit Gerechtigkeit sollst du deinen Nächsten richten.
(Leviticus 19, 15)

Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst kein Ansehen kennen.
(Deut. 16, 19)

Unsere Weisen lehrten uns, keinen Text der Torah als bloße Wiederholung aufzufassen. Sie bringen für uns die separate und exklusive Botschaft eines jeden Wortes und Satzes ans Tageslicht. Hier beschäftigen wir uns mit den Bedeutungen der wiederholten Bezüge auf die „Armen“ und „Vornehmen“. Das Wort „Arme“ bedeutet nicht nur die Mittellosigkeit in weltlichen Gütern. Hier die Interpretation unserer Weisen zum Text Exodus 23:

Wenn eine verrufene und eine anständige Person vor dir im Gericht stehen, sage nicht: „Da er eine verrufene Person ist, werde ich seinen Fall nicht günstig betrachten, sondern „Beuge nicht das Recht deines Armen in seiner Rechtssache.“ Denn er ist arm an guten Taten (Mitzwot).
Mechilta Ex. 23, 6

Der Richter muss seine Beachtung auf die Parteien, die vor ihm im Gericht stehen, beschränken und die Vergangenheit einer Person nicht in Betracht ziehen, sondern die Angelegenheit auf den Fakten basieren, die ihm präsentiert werden. Eine ähnliche Dublizierung finden wir im Fall der Ermahnung, den Armen nicht zu begünstigen. In Exodus werden wir gebeten, den Armen in seiner Sache nicht zu begünstigen; in Leviticus, mit der Person des Geringen keine Nachsicht zu haben und den Vornehmen nicht zu ehren. Malbim, der darauf spezialisiert ist, die subtilen Unterschiede in anscheinend synonymen Ausdrücken der Torah zu erhellen, lenkte sein Genie auf die Interpretation unseres Textes:

Der Satz „nesi’at panim“ („das Antlitz erheben“ in unserem Text übersetzt mit „Ansehen erkennen“) impliziert das Übersehen einer Übertretung oder einer unangenehmen Angelegenheit. Zum Beispiel: Genesis 32, 21: Ich will sein Antlitz versöhnen durch das Geschenk, das mir voraus geht …
Exodus 19, 21: Siehe, ich tue dir zu Gunsten auch in diesem Stücke, dass ich nicht zerstöre die Stadt, von der du geredest.
Das Wort „Gunst“ im Hebräischen stammt von einer Wurzel, die äussere Schönheit bedeutet („hadar“) und bezieht sich auf alles, was in den Augen der Menschen attraktiv ist. Zum Beispiel: die Frucht eines schönen (hadar) Baumes.
Sprüche 14, 28: „Auf der Menge des Volkes beruht des Königs Herrlichkeit …“
Sprüche 20, 29: „… doch die Zier der Alten das graue Haar.“
Es ist die Art der Welt, Armut zu unterstützen und äusserer Erscheinung Respekt zu zollen. Die Torah warnt uns daher vor beiden Fallgruben. Aber es könnte argumentiert werden, obwohl es verboten ist, den Armen im Falle eines Rechtsstreites zu begünstigen, ist es erlaubt, ihm Respekt zu zollen, damit sein Gegner auf einige seiner Forderungen verzichtet. Daher stellt die Torah fest, dass es auch verboten ist, den Armen in seiner Sache zu ehren.

In diesem Fall ist die Torah nicht darauf bedacht, den Schwachen zu schützen, sondern die Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten, wie es am Schluss der Sidra heisst: „Denn das Gericht ist des Ewigen.“ Einen Hinweis auf diese kryptische Äusserung findet sich in den Worten Jehosaphats, des Königs von Juda, an seine Richter:

Seht zu, was ihr tut! Denn nicht für Menschen, sondern für den Ewigen richtet ihr. Er ist bei euch in den Rechtsangelegenheiten. Nun sei der Schrecken des Ewigen über euch! Denn bei dem Ewigen, unserem Gotte, gibt es keine Ungerechtigkeit, Parteilichkeit und Annahme von Geschenken.
(2 Chronik 19, 6 – 7)

Raschis Kommentar zu Chronik erklärt die Bedeutung wie folgt:

Sage nicht: Welchen Unterschied macht es, wenn wir mit unseren Freunden parteilich sind oder das Recht es Armen beugen und den Reichen begünstigen? Sicher ist das Gericht nicht Gottes Gericht. Daher heisst es „für den Ewigen“. Wenn du den Unschuldigen beschuldigst, ist es, als hättest du den Ewigen beraubt und das Gericht des Himmels pervertiert. Daher: „Seht zu, was ihr tut! Denn nicht für Menschen, sondern für den Ewigen richtet ihr.“ Vielleicht argumentierst du dann, warum soll ich alle Verantwortung auf mich nehmen und leiden, wenn ich einen Fehler mache? Der Text fügt hinzu: „Er ist bei euch in den Rechtsangelegenheiten.“ Mit anderen Worten, es ist deine Pflicht, aufgrund der dir vorgelegten Fakten zu urteilen.

Die Verwaltung der Gerechtigkeit ist eine göttliche Angelegenheit, die der Ewige den Menschen anvertraut hat. Es ist eine Pflicht und ein Privileg.

Weiterführende Fragen:

1. „Zwischen … seinem Fremdling“ („Gero“) (Deut. 1, 16); dies bezieht sich auf seinen Gegner vor Gericht, der gegen ihn Argumente aufhäuft (oger). Eine andere Erklärung: sogar hinsichtlich der Lebensumstänce (ger, einer, der sich aufhält) im Teilen zwischen Brüdern, eines Ofens oder Herdes.
(Raschi)

Welche Schwierigkeit hat Raschi gefunden und warum genügte eine Erklärung nicht?

2. „Wie den Kleinen, so den Grossen sollt ihr hören“ – ein Fall um einen Peruta soll dir ebenso wichtig sein wie einer um hundert. Eine andere Erklärung: sage nicht, der eine ist arm, der andere reich und es ist eine heilige Pflicht, den Armen zu unterstützen, damit er anständig leben kann. Eine andere Erklärung: Du sollst nicht sagen, wie kann ich diesen Reichen wegen eines Denar beleidigen? Ich werde ihn befreien und wenn er hinausgeht, werde ich zu ihm sagen: Gib ihm, was du ihm schuldest.
(Raschi)

1. Welche Schwierigkeit im Text veranlasste Raschis Erklärung?
2. Warum war Raschi mit seiner ersten Erklärung nicht zufrieden?
3. Was ist die genaue Bedeutung des Satzes „damit er anständig leben kann“?
4. Welchen gemeinsamen Nenner haben die letzten beiden Erklärungen? Warum genügte eine von ihnen nicht?

Haftara zu Dewarim: Jesaja I, 1-27